>> Wenn die Geschäftsleitung den ‚Mitarbeitern’ den neuen ‚Masterplan‘ vorstellt und dessen Umsetzung offiziell ‚zur Chefsache‘ erklärt… dann scheint sie etwas verpasst zu haben: Die engagiert geführte Debatte um eine geschlechtergerechtere Sprache. Nicht nachgedacht – wäre eine Erklärung. Doch kann man die noch gelten lassen?
Die einen tun‘s euphorisch, die anderen mit Achselzucken, die Dritten lassen’s aus Prinzip: Nicht alle gendern, aber fast alle haben eine Meinung dazu. Wer öffentlich agiert, sollte klar Position beziehen: Denn in politisch korrekten Zeiten macht ‚Verfehlung‘ oder ‚Unterlassung‘ kaum mehr einen Unterschied: Abgestraft wird beides – oft postwendend via Facebook und Twitter. Wie also hält es Ihr Unternehmen? Gendern Sie schon – oder diskutieren Sie noch?
In vielen Häusern – höre ich – geschieht gerade beides: Neue Sprachrichtlinien? Eingeführt, Check! Die Belegschaft allerdings: Noch unwillig. Gruselige Wortkonstruktionen und Textpassagen werden beifallheischend von links nach rechts gereicht…
WORUM ES GEHT – UND WORUM NICHT?
Kritisiert wird natürlich nicht die Emanzipation der Geschlechter. Selbst wenn die vermeintlich ‚neue‘ Diversität jenseits der klassischen Mann-Frau-Schere für viele vielleicht vage bleibt: Dass Menschen unabhängig ihrer geschlechtlichen Identität Anspruch auf gesellschaftliche Gleichberechtigung haben – darin sind sich die allermeisten einig.
Unverhältnismäßig hingehen finden einige die Forderung, für diese Freigeistigkeit sogar Sprachgewohnheiten zu modifizieren. Verursacht Sprache denn an dieser Stelle tatsächlich solchen Leidensdruck!? Brauchen denn alle eine morphologische ‚Extrawurst‘, um sich angesprochen und gleichberechtigt zu fühlen? „Sooo deutsch“, heißt es kopfschüttelnd. „Übertrieben genau!“
SPRACHE PRÄGT WIRKLICHKEIT
Wer Gendern als kleinkariert abtun will, greift jedoch zu kurz. Denn Emanzipation ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, sondern fast immer eine Errungenschaft – und ja: Es ist wichtig, diese sprachlich zu würdigen und zum Ausdruck zu bringen!
Eine neue Begrifflichkeit thematisiert immer etwas, das es vorher nicht gab. Das vorher nicht gesehen, beachtet oder respektiert wurde. Sprache leistet Geburtshilfe. Macht Neues denkbar. Grenzt Altes ab. Sorgt für gesellschaftliche Durchdringung und etabliert geistige Standards. Mal ein ganz einfaches Beispiel:
‚Ärztin‘. Vor nicht allzu langer Zeit eine Wort-Neuschöpfung, die einen irritierenden Gedanken zum Ausdruck brachte: Dass nämlich auch Frauen einen Beruf ergreifen. Unter Umständen sogar einen, der zuvor ausschließlich Männern vorbehalten war. Der Begriff – in Abgrenzung zum bestehenden „Arzt“ – hatte es also ganz schön in sich: Er trug dazu bei, Veränderung zu bezeugen und Wirklichkeit neu zu prägen.
NACH vorne blicken, NICHT ZURÜCK
Wie können wir nun ausdrücken, dass die Existenz von Ärztinnen heute absolut normal ist? Dass es keinen mehr Unterschied macht, ob die Visite von einem Arzt oder einer Ärztin durchgeführt wird? Sollen wir unsere wertvolle gemeinschaftliche Errungenschaft mit dem generischen Maskulinum überdecken, indem wir wieder von ‚den Ärzten‘ sprechen?! Wäre doch jammerschade!
Besser: Nicht nur Ärzte, sondern auch Ärztinnen explizit ansprechen! Durch Sternchen, Doppelpunkt, Glottisschlag & Co vielleicht sogar noch mehr Raum schaffen – für ALLE denkbaren Geschlechteridentitäten! Oder aber: Unterschiede, die ohnehin niemanden mehr interessieren, kurzerhand neutral einebnen!
Je nach Kontext könnten wir von Ärzt:innen, dem Behandlungsteam, von medizinischen Autoritäten, Fachleuten oder Verantwortlichen, dem ärztlichen Kollegium oder chirurgischen Fachkräften sprechen. Wenn wir ehrlich sind: Möglichkeiten gibt es viele – und längst nicht alle Umwege sind kompliziert oder unelegant.
Repertoire wird sich erweitern
Die gern zitierten Gender-Wort- und Satzmonster? Sind der unsicheren und peniblen Anwendung auf Anordnung geschuldet. Betrachten wir sie ruhig als Anfangsphänomene! Guidelines aber machen insofern Sinn, als sie die gesamte Man14nschaft mal zum Nachdenken bewegen: Wer sich um Lösungen bemühen muss, setzt sich aktiv mit unseren Sprachmustern auseinander… und stellt dabei selbst fest, wie krass männlich diese geprägt ist.
Mit veränderter Wahrnehmung und mehr Sensibilität wird sich die Sprache automatisch verändern. Sich einen natürlichen Bypass suchen, der für die meisten von uns irgendwann wunderbar funktioniert. Nur braucht dieser Vorgang eben etwas Zeit – und weiterhin den gemeinschaftlichen Vorstoß…
Bis dahin:
Etwas Geduld! Und bitte nicht alle so verbissen. Machen wir uns lieber locker und nutzen den Platz nach oben. Probieren und experimentieren? Erlaubt, erwünscht, empfohlen!
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